Labor trifft Innovation

01. Okt 2019

Labor trifft Innovation

Auftaktveranstaltung Fokusgruppe „LaborDiagnostik“ startet Dialog über Sektorengrenzen hinweg

Neue digitale Technologien und molekulare Diagnoseverfahren sollen zukünftig genauere Diagnosen, Verlaufsprognosen, zielgenauere Therapien, die Vorhersage von Krankheitsrisiken, eine bessere individuelle Vorsorge und nicht zuletzt eine schnellere Medikamentenentwicklung erlauben. Diesen enormen Wandel, der auf Unternehmen, medizinische Labore aber auch auf jeden einzelnen Arzt und Patienten zukommt, stellte das Netzwerk InnoNet HealthEconomy e.V., mit der Tagung ‚Labor trifft Innovation‘, am 19. September 2019 an der Technischen Hochschule Bingen in den Mittelpunkt.

Nach der Eröffnung durch Prof. Dr. med. Matthias F. Bauer, Stv. Vorstandsvorsitzender InnoNet HealthEconomy und Direktor des Instituts für Labordiagnostik, Hygiene und Transfusionsmedizin am Klinikum Ludwigshafen gGmbH, begrüßte der Präsident der TH Bingen, Prof. Dr.-Ing. Klaus Becker die Teilnehmer.

Das Vortragsprogramm eröffnete Dr. Maximilian Schuier, Direktor Fachbereich Psychiatrie und Mature Brands von Janssen Deutschland mit dem Impulsvortrag „Zukunftsvision Disease Interception“. „Das Ziel von Disease Interception ist, die Gesundheit der Betroffenen zu erhalten, indem der Ausbruch der Erkrankung durch eine gezielte (medikamentöse) Intervention aufgehalten, verzögert oder sogar umgekehrt wird, bevor erste klinische Symptome entstehen“, so Schuier. Am Beginn dieses neuen medizinischen Ansatzes stünde die frühe Diagnose in der präklinischen Phase einer Erkrankung mit Hilfe validierter Biomarker. Auf dieser Basis gelte es dann, das therapeutisch relevante Zeitfenster, das Interception Window, vor der klinischen Manifestation einer Erkrankung zu bestimmen und für eine gezielte (medikamentöse) Intervention zu nutzen. Schuier betonte, dass der Ansatz der Disease Interception nicht nur eine neue Behandlungsoption sondern einen medizinischen Paradigmenwechsel für Betroffene, deren Angehörigen, Ärzte, das Gesundheitssystem – sowie die Gesellschaft insgesamt bedeute. Disease Interception verändere nicht nur die Patient Journey, sondern auch die Art und Weise, wie Arzt und Patient bzw. Betroffener zusammenarbeiten (Arzt-Patienten-Verhältnis). In Zeiten von Disease Interception bekäme z.B. der Arzt vielmehr eine Beraterrolle. Dies erfordere neue Kompetenzen, z.B. in der Risikokommunikation.

Drei Sessions beleuchteten danach die Themenfelder Datensynchronisierung, neue Aufgaben und Chancen der Labordiagnostik und last but not least den Faktor Mensch..

Daten rücken in den Mittelpunkt

Den Auftakt machte Andreas Göbel, Managing Director der Hypertrust Patient Data Care mit seinem zukunftsweisenden Vortrag unter der Überschrift „Blockchain in Healthcare - Potentiale und Herausforderungen“. Göbel gelang es nicht nur das komplexe Thema in einer kurzen Einführung auch den Nicht-Spezialisten unter den Teilnehmern zu erklären, er stellte auch erste konkrete Anwendungsbeispiele im Gesundheitswesen wie zum Beispiel bei der Optimierung von Lieferketten für die personalisierte Medizin vor. „Die größte Herausforderung für Blockchain im Gesundheitswesen ist nicht mehr die Technologie, sondern die Bereitschaft von Unternehmen und Klinikern die notwendigen großen Konsortien zu bilden“, mit diesem Fazit motivierte Göbel zum Abschluss seines Vortrags die Teilnehmer aktiv zu werden.

Den zweiten Beitrag in der Session Datensynchronisierung lieferte Stefan Kinnen, General Manager CGM LAB DE und Vorstandsvorsitzender DOAG e.V. unter der Überschrift „Mehr Wert für Einsender, Labore und Patienten durch intelligente Kommunikation und Digitalisierung“. Er stellte die möglichen Stufen der Digitalisierung bei Laboranforderungen vor und ging dabei besonders auf die Möglichkeiten von Cloud Services ein. „Auch die Cloud ist nicht nur eine Technologie, auch ihre Nutzung erfordert eine Veränderung des Denkens bei allen Beteiligten“, so ergänzte Kinnen das Fazit seines Vorredners. In der folgenden Diskussion waren unter anderen die Chancen einer Verbindung beider Technologien für den sicheren Austausch von Daten ein wichtiges Thema.

Neue Chancen für die individualisierte Therapie

Die Session „Neue Aufgaben und Chancen der Labordiagnostik“ eröffnete Prof. Dr. Andreas Schwarting, Sprecher des Interdisziplinären Autoimmunzentrums der Universitätsmedizin Mainz, mit einem Ausblick auf „Neue Chancen für die individualisierte Therapie und Krankheitsprognose“ aus Sicht eines behandelnden und forschenden Arztes. Für die komplexen Krankheitsbilder m Feld der entzündlich rheumatischen bzw. Autoimmunerkrankungen fehlen ihm bisher für eine personalisierte Therapie prädiktive, prognostische und idealerweise therapie-weisende Marker. Notwendig für deren Entwicklung und für personalisierte Therapien seien neben einer klar definierten Klinik eines jeden Patienten umfangreiche longitudinale Daten und entsprechende Biobanken. Neben der verstärkten Nutzung von Big Data und digitaler Kommunikation setzt Schwarting auch auf die reale Zusammenarbeit der unterschiedlichsten Fachdisziplinen. Deshalb hat er sich für den Aufbau des Universitären Centrums für Autoimmunität (UCA) an der Universitätsmedizin engagiert:24 Kliniken und Institute behandeln über gemeinsame Sprechstunden, Rheumaboards und Rheumakonferenzen Patienten,  und vereinen  ihre Daten mit dem Ziel eine bessere Forschung zu erreichen.

Dr. Lars Hummerich, Head of Oncology Innovations bei Roche Diagnostics Deutschland spiegelte die Erwartungen von Schwarting an die Zukunft der Diagnostik mit seinem Beitrag unter der Überschrift „Navigation in der Komplexität medizinischer Informationen“.Für ihn liegt die Herausforderung im Gesundheitswesen in der steigenden Komplexität auf allen Ebenen, wobei der Einstieg in individualisierte Behandlungen eine große Rolle spiele. „Die Komplexität von Daten und Krankheiten erfordert Entscheidungshilfen, um Ärzten bei Ihren komplexen Diagnose- und Behandlungsoptionen zu helfen“, so Hummerich. Als Beispiel nannte er das NAVIFY Tumor Board, eine cloudbasierte Kommunikationsplattform für Onkologie-Teams, mit der sich Roche Diagnostics für eine Optimierung derzeitiger Arbeitsabläufe und ein personalisiertes Patientenmanagement engagiert.

Motivation und Qualifizierung für den digitalen Wandel

Sowohl die Entwicklung als auch die Nutzung digitaler Technologien ist ohne den ‚‘Faktor Mensch‘ nicht denkbar. Neue Qualifikationen, Arbeitsabläufe und Rollenbilder stellen für alle Beteiligten eine große Herausforderung dar. Deshalb stellte die dritte und letzte Session der Tagung dieses Thema in den Mittelpunkt. Dr. Günther Gorka, Geschäftsführer von Diasys Diagnostika, zeigte in seinem Vortrag „Digitalisierung und Kulturwandel in einem mittelständischen Unternehmen“ eindrucksvoll auf, wie es seinem Unternehmen auch abseits von Metropolregionen und trotz Fachkräftemangel gelingt, nicht nur die bestehenden Mitarbeiter für den digitalen Wandel zu motivieren und weiterzubilden, sondern auch neue zu gewinnen und zu binden. So sei Diasys nicht nur gut für die digitale Zukunft der Diagnostik gerüstet, das Unternehmen habe es auch in die Reihe der „TOP Arbeitgeber 2020“ geschafft, einer Auszeichnung von FOCUS BUSINESS und kununu.

„Auch an Hochschulen geht der Wandel durch die Digitalisierung selbstverständlich nicht vorbei“, so Prof. Dr. Maik Lehmann, Life Sciences and Engineering an der Technischen Hochschule Bingen, in seinem Vortrag „Medizinische Biotechnologie an der TH Bingen - Offensive gegen den Fachkräftemangel“. Die Hochschule reagiert mit dem neuen Studiengang auf die sich ändernden Anforderungen an Beschäftigte in Unternehmen, Laboren und Kliniken. Innovative Inhalte fordern auch eine innovative Lehre, so Lehmann. Der neue Bachelorstudiengang Medizinische Biotechnologie ist an der Schnittstelle zwischen Medizin, Analytik und Qualitätsmanagement angesiedelt. Durch die rasante Entwicklung in der medizinischen Forschung, der Automatisierung in der medizinischen Diagnostik sowie der Komplexität medizinischer Geräte und der durch Vernetzung und Digitalisierung geprägten Arbeitsabläufe in modernen Laboratorien steigen die Anforderungen an Fachkräfte in einem modernen diagnostischen Labor. Daher werde den Studierenden im praxisintegrierend oder berufsintegrierend möglichen BA-Studiengang Medizinische Biotechnologie auf der Grundlage ihrer medizinisch-technischen Ausbildung umfassende und vertiefende Kenntnisse im Bereich der medizinischen Labordiagnostik, des Datenmanagements und der Qualitätssicherung vermittelt.

Dialog über Sektorengrenzen hinweg

„Als Auftakt der neuen Fokusgruppe „LaborDiagnostik“ von InnoNet HealthEconomy will die Tagung starke Akteure aus unterschiedlichen Sektoren der Gesundheitswirtschaft an einen Tisch zu bringen, um im Dialog aus dieser Vielzahl möglicher Aktionsfelder besonders interessante und erfolgversprechende Themen und innovative Ansätze zur Stärkung und Weiterentwicklung der Diagnostik herauszufiltern“, so Brigitte Pfeiff, Geschäftsführerin von InnoNet HealthEconomy und Mitinitiatorin der Tagung.

Neben den Vorträgen legte die Veranstaltung deshalb besonderen Wert auf die Interaktion, den Dialog über die Sektorengrenzen hinweg, dem, moderiert durch Günther Illert, entsprechend viel Raum gegeben wurde. Mehr als 30 Teilnehmer aus Diagnostik-Unternehmen, Laboren und Forschungseinrichtungen auch behandelnde Ärzte und Vertreter von Seiten der Kostenträger und der rheinland-pfälzischen Politik diskutierten nach jeder Session in der großen Runde und an Thementischen mit den Referenten.

Die Veranstaltung – so die einhellige Meinung aller Referenten und Teilnehmer – war sehr erfolgreich, die Inhalte umfassend, der Austausch außergewöhnlich intensiv. In der abschließenden Diskussionsrunde wurden bereits wie erhofft, Themen für zukünftige Arbeits- und Projektgruppen ausgedeutet.

Profil

InnoNet HealthEconomy e.V. vernetzt die Unternehmen, Versorgungsanbieter und Institutionen der Gesundheitswirtschaft in Rheinland-Pfalz und seiner Nachbarregionen. Seine Arbeit fördert das Ineinandergreifen und die wechselseitige Ergänzung von Politik, Versorgung und Wirtschaft im Dienst der rheinland-pfälzischen Gesundheitswirtschaft. InnoNet fördert Kooperationen über Branchengrenzen hinaus, etwa zwischen Gesundheitswirtschaft und IT-Branche, um so erhebliche Synergieeffekte und daraus resultierende Wachstumspotenziale zu erschließen.

Kontakt

InnoNet HealthEconomy e. V. 

Netzwerk Gesundheitswirtschaft Rheinland-Pfalz

Mombacher Str. 68 / 55122 Mainz / + 49 6131 930 77-28

pfeiff@innonet-healtheconomy.de


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